Missbrauch durch psychologen

Die Frau, die bei der Hamburger Kriminalpolizei erscheint, ist teuer gekleidet, mit jenem zurückhaltenden Chic, der in den besten Kreisen der Hansestadt üblich ist. Unter den Textilien aber verbirgt sich ein Körper voller Narben und Striemen, manche frisch, manche fast verheilt. Das tat ich auch. Gegen Morgen wurde dann gebadet.

Als sie alles erzählt hat, ist sie erschöpft, halb zerstört und doch stolz auf sich selbst, weil sie sich endlich nicht mehr nur als Opfer fühlt. Und praktizieren darf er nie wieder«. Der Arzt und Therapeut Peters, Internist mit Zusatzausbildung für Psychotherapie, verliert zwar die Zulassung, darf aber schon ein Jahr nach dem Verfahren wieder unter Aufsicht in einer Klinik arbeiten.

Das Beweismaterial wird zu den Akten gelegt, die rund Fotos von gefesselten und gequälten Frauen verschwinden im Archiv - der Fall scheint erledigt. Meist ist die Gewalt nicht so offensichtlich wie im Fall des Hamburger Therapeuten, wird der Übergriff als Liebesbeziehung verklärt. Doch hinter erotischen Beziehungen zwischen Seelendoktor und Patient, die in Kino-Filmen wie Woody Allens »Zelig« glücklich enden, verbirgt sich in Wirklichkeit fast immer eine perfide Ausnutzung therapeutischer Macht.

Sexueller Missbrauch in der Psychotherapie: Zerstörtes Vertrauen und Schuld

Es ist ein Unrecht fast ohne Risiko. Zwar hat Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger mehrfach versichert, Bonn wolle sich darum kümmern, doch Entwürfe gibt es dort bisher nicht. Der Freiburger Psychoanalytiker Johannes Cremerius ruft »Alarm. Staatsanwalt« siehe Seite Die Folgen sind traumatisch, das bestätigen die Berichte therapiegeschädigter Frauen.

Beate aus Düsseldorf etwa leidet unter chronischer »Angst vor Vergewaltigung«, fürchtet ständig, zusammengeschlagen zu werden. Sie habe sich »freiwillig fesseln lassen«, sagt Anna vor der Kriminalpolizei. In ihrer »völligen Abhängigkeit, Hörigkeit«, sei der Gedanke an Widerstand nicht mehr möglich gewesen: »Der Mann hatte meine Seele in seiner Gewalt. Es gibt viele Annas.

Wie stark »der Schattenaspekt unseres Berufs« Wirtz allerdings genau ist, liegt im dunkeln. Beziehungen mit einer Klientin unterhielten. Rund hoben die Hand. Rund zehn Prozent hielten sexuelle Kontakte für erlaubt. Die wenigen verfügbaren Hinweise indes bestätigen Erkenntnisse aus Übersee. Fachleute wie der Psychoanalytiker Reimer halten die US-Studien für »durchaus übertragbar«.

Und die bieten ein düsteres Bild. Bis zu 15 Prozent der Therapeuten gaben mindestens einen sexuellen Kontakt mit einem Klienten oder einer Klientin zu - die Dunkelziffer dürfte erheblich sein. In 80 bis 90 Prozent der Fälle sind die Täter männlich, die Opfer Frauen. Und keine therapeutische Richtung ist offenbar gegen die Versuchung gefeit.

Ob Psychoanalytiker, ob Verhaltens-, Gestalt-, Gesprächstherapeut: Übergriffe gibt es überall. Die Täter sind selten Berufsanfänger, die der Versuchung nicht widerstehen können, sondern meist Profis mit umfangreicher Klinikausbildung und langer Berufserfahrung. Sie sind etwa zehn Jahre älter als ihre Patientinnen und verarbeiten oft ihre persönlichen Krisen, Scheidungen bespielsweise, auf Kosten der Frauen.

Und alle haben Ausreden: Als Opfer sehen sich die einen, von einer Klientin verführt. An wahre Liebe glauben andere und sind der Meinung, sie könnten gleichzeitig Liebender und Heiler sein. Dabei sind die Regeln des Berufsstandes eindeutig. Benimmvorschriften halten - wenn es zum Sex kommt, »dann hat ganz allein der professionelle Helfer die Schuld«.

Da ist die Nähe, die tiefe seelische Bindung der Hilfesuchenden an den Therapeuten.