Menschen foltern frau psychologie
Der Psychotherapeut Michael Brune arbeitet mit Menschen, die Folter erlitten haben.
Kann man einer Folter standhalten?
Ein Gespräch über dunkle Schrecken und leuchtende Kraft. Folter wirkt vor allem psychologisch, sagt der Therapeut Michael Brune Foto: dpa. Wie viel Scheu hatten Sie, als Sie begonnen haben, mit ihnen zu arbeiten? Michael Brune: Angst, dass mich das Thema überwältigen würde, hatte ich zu Beginn. Man sitzt Menschen gegenüber, von denen man denkt: Wenn ich das durchgemacht hätte, dann könnte ich nicht eine Stunde lang ruhig auf meinem Stuhl sitzen und von den erlebten Schrecken erzählen.
Sie sind schwer verletzt, aber die Kraft, die sie haben, leuchtet durch. Sie haben noch einen Lebenswillen, weil sie etwas überwinden wollen, es sind seelisch schwer verletzte Menschen, die sich wieder im Leben zurechtfinden wollen. Diese Kraft spürt man und findet dann Ansatzpunkte für eine Therapie. Wichtige Voraussetzung für eine Erfolg versprechende Psychotherapie ist, dass der betroffene Mensch noch einen Grund für sich sieht weiterzuleben.
Pauschal gesagt hilft es, wenn man ideologisch gefestigt ist. Es gibt einzelne Beispiele, wo es eher nachteilig ist, aber meist ist eine gefestigte Weltanschauung — sie muss nicht politisch sein, sie kann auch religiös oder philosophisch geprägt sein — hilfreich bei der Verarbeitungen der traumatischen Erfahrungen. Weil das Böse damit einen Platz in der Weltordnung bekommt? Weil man über diese Fragen schon nachgedacht hat, wenn man ideologisch, religiös oder philosophisch gefestigt ist.
Weil man ein Erklärungsmodell hat: Warum gibt es das Böse auf der Welt? Warum gibt es Faschisten oder andere, die Böses tun, die an die Macht kommen? Aus welchen Ländern kommen die Menschen, die Sie behandeln? Unter meinen Patienten, die Folter erlitten haben, waren viele Lateinamerikaner, vorwiegend aus Argentinien, Chile und Peru. Andere waren Kurden, hauptsächlich aus der Türkei, Türken, Iraner, Syrer und Iraker.
Zimbardo zu Misshandlungen: "Krieg verwandelt Menschen in brutale Folterer"
Und einige waren Stasi-Opfer. Warum macht es für das Opfer einen Unterschied, ob der Täter ein Einzelner ist oder Teil eines Systems? Opfer eines Verbrechens zu werden ist für die meisten Menschen noch im Rahmen des Vorstellbaren. Denn das ist ein Teil des Lebensrisikos: Wenn ich Pech habe, werde ich Opfer eines Gewaltverbrechens oder habe einen schweren Verkehrsunfall. Wenn der Staat, in dem der Mensch lebt, die Verbrechen begeht, erschüttert das grundsätzlicher.
Die Gesellschaft, deren Teil ich bin, die sich um mich sorgen und mich schützen sollte, begeht an mir Verbrechen. Es sei effizienter, Menschen für Kooperation zu gewinnen. Warum wird unbeirrt weiter gefoltert? Die allgemeine Meinung ist, dass es beim Foltern um Geständnisse geht, aber es geht mehr um das Brechen des Menschen.
Ein Mensch, der als Held empfunden wurde und gebrochen aus der Folterkammer herauskommt, ist als politisches Signal der Unterdrücker viel effektiver als ein Mensch, der sofort umgebracht wird. Es kommt noch hinzu: Folterer ist nicht gleich Folterer. Das klingt sehr makaber — aber es gibt Leute, die diesen Beruf sehr effektiv ausüben, und es gibt Leute, die machen es schlecht.
Hier gibt es eine Parallele zwischen Folterern und Therapeuten. Er arbeitet in der Hamburger Praxisgemeinschaft haveno, die hauptsächlich mit traumatisierten Flüchtlingen arbeitet. Der Therapeut sucht in den psychologischen Strukturen des Menschen die Schwachstellen und versucht sie zu stärken. Er arbeitet konstruktiv.