Versuchsperson psychologie darmstadt

Beim Durchblättern dieser Ausgabe von bild der wissenschaft sind Ihnen viele Gesichter begegnet: angefangen mit dem Chefredakteur, über verschiedene Wissenschaftler, Autoren und Werbefiguren. Manche der Porträts fanden Sie auf Anhieb sympathisch, offen, freundlich und attraktiv, andere weniger. Sind Sie sicher, dass Sie sich auf Ihr — über das Auge gewonnene — Urteil wirklich verlassen können?

Reinhard Leichner vom Institut für Psychologie der Technischen Universität Darmstadt hat jetzt ein verblüffendes Sinnesorgan für die Beurteilung eines Menschen gefunden — das Ohr. Normalerweise hängt es von psychologischen Faktoren ab, ob uns das Gesicht eines Menschen gefällt: Vom Aussehen und von der Ausstrahlung des Porträtierten, seinem emotionalen Ausdruck und der Stimmung, die sein Bild in uns auslöst.

Nicole Spira

Auch der persönliche Geschmack entscheidet, ob wir jemanden sympathisch finden oder eher negativ einordnen. Der Leiter der Arbeitsgruppe Psychologische Diagnostik in Darmstadt ist jetzt noch weiteren Einflussfaktoren auf der Spur: In einem Laborexperiment beobachtete er, dass die Beurteilung von Gesichtern auch von rein biologischen Bedingungen beeinflusst wird — nämlich davon, ob und mit welchem Ohr wir gerade Musik hören.

Eine Kontrollgruppe von 16 Studenten betrachtete die Bilder in aller Stille. Das Ergebnis: Die Urteile fielen am positivsten aus, wenn die Probanden nur mit dem rechten Ohr Musik hörten. Lauschten sie mit dem linken oder mit beiden Ohren, fanden sie die Personen deutlich unsympathischer. Die Bewertungen der musikfreien Kontrollgruppe lagen etwa in der Mitte.

Offensichtlich beurteilt unser Wahrnehmungsapparat das Aussehen eines anderen Menschen umso gnädiger, je ausgewogener beide Hirnhälften beschäftigt sind, folgert Leichner aus den Ergebnissen. Werden Porträts unbekannter Personen betrachtet, ist bei Rechtshändern Linkshänder wurden nicht untersucht vor allem die rechte Gehirnhälfte tätig. Beschäftigt man dagegen die rechte Hirnhälfte zusätzlich zur Bildverarbeitung auch noch mit Musik über das linke Ohr, ist das Denkorgan offensichtlich überlastet — es reagiert unwirsch und bewertet die Porträtierten eher als unsympathisch, misstrauisch, unfreundlich, lieblos, aggressiv und verschlossen.

Ähnliche Reaktionen beobachtete Leichner, wenn er seine Probanden beid-ohrig berieselte, weil auch dabei die rechte Hirnhälfte stärker belastet wird als die linke. Die schnöde Biologie der grauen Zellen schlägt also unserem vermeintlich sicheren ästhetischen Urteilsvermögen ein Schnippchen. Je ausgewogener dagegen die Beschäftigung ist, umso effizienter arbeitet das Gehirn.

Ein und dasselbe Musikstück beurteilen wir unterschiedlich, je nachdem, ob wir es mit dem rechten oder dem linken Ohr hören. Auch die Musikart scheint eine Rolle zu spielen. Dieser Effekt ist mit gängigen Geschlechter-Klischees zu erklären. Könnte man die Zuschauer im Kino nun auch noch einohrig beschallen, wären die Hauptdarsteller überirdisch attraktiv.

Auf den ersten Blick wirkt dieser Forschungszweig wie ein Anwärter auf den Ig-Nobel-Preis, der alljährlich für Untersuchungen von zweifelhaftem Nutzen vergeben wird — etwa für eine schwedische Studie, der zufolge sich Hühner zu schönen Menschen mehr hingezogen fühlen als zu hässlichen. Einen direkten Nutzen seiner Experimente sieht Leichner selbst auch noch nicht.

Seine Grundlagenforschung soll die generellen Bedingungen ästhetischen Erlebens und Urteilens aufdecken. So müsste ich mich, um von einer anderen Person als sympathisch und attraktiv beurteilt zu werden, so positionieren, dass die andere Person mich betrachten kann und ihr gleichzeitig rhythmische Musik ins rechte Ohr eingespielt wird.

Die Inhaber von Partner-Vermittlungen sollten aufhorchen. Denn ein manipulierter Kopfhörer für Kunden, die gerade die Kandidaten-Kartei durchsehen, könnte für eine höhere Quote an Wunschpartnern sorgen. Etwas Musik in das rechte Ohr eingespielt — und schon schnellen die Vermittlungszahlen nach oben. Denn: Das Wesentliche bei der Menschenbeurteilung ist für Augen und Herzen unsichtbar — man sieht nur mit den Ohren gut.

Sonderpublikation in Zusammenarbeit mit der Baden-Württemberg Stiftung Jetzt ist morgen Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten. Sicherer Server. Technik Digitales. Gesundheit Medizin. Erde Umwelt. Geschichte Archäologie. Gesellschaft Psychologie. Deutschlandkarten Kommentare Rätsel Nobelpreisträger-Quiz bild der wissenschaft Neujahrsrätsel Cogito Rezensionen Bücher Wissensbücher des Jahres Das glaube ich nicht Sabine Hossenfelders Stichproben Die Science Busters Phänomenal Die Forschperspektive Lexikon Wahrig Wissenschaftslexikon bdw-Hefte Specials Abonnements Aktuelles Heft Sonderhefte bdw extra Leserservice Einzelheft-Archiv Vorschau Nachrichtenquellen Leserreisen Events KI-Kongress Mehr Newsletter bild der wissenschaft shop Stellenanzeigen bei Fachjobs24 Blog von ScienceBlogs.

Wie jemand ein Gesicht wahrnimmt, hängt auch davon ab, mit welchem Ohr er gerade welche Musik hört.