Kontaktbrücke psychologie
Der entscheidende Brückenschlag zur oder zum anderen beruht zusammengefasst auf zwei Pfeilern: dem Verzicht auf Überlegenheitsattitüden und der Bereitschaft zuzuhören. Ziel eines Gesprächs ist es gemeinhin, sich über irgendetwas zu verständigen, zu einigen, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Weniger, sich wechselseitig gegeneinander aufzubringen und zu frustrieren.
Egal ob im Privaten oder im Beruf. Grund dafür können etwa Dissonanzen in der Sache sein, unvereinbare Zielvorstellungen, überzogene Zumutungen. Oder jemand ist einfach nur mit dem falschen Bein aufgestanden. Aber es gibt noch ganz andere Auslöser dafür, dass sich die Haare sträuben, Adrenalin ausgeschüttet und die Faust in der Tasche geballt wird. Und einen hinterher die Frage beschäftigt: "Was ist hier abgelaufen?
Weitaus öfter eskaliert der Wortwechsel nämlich durch Verhaltensnuancen. Die Art, sich zu geben oder gar aufzuspielen, kann beachtlichen zwischenmenschlichen Schaden anrichten. Sie können im Handumdrehen tiefste Betroffenheit bis hin zu massivstem Ärger auslösen. Denn für diese Verhaltensweisen haben Menschen ein hochempfindliches Alarmsystem.
Sie spüren, wenn in der Gesprächsbalance irgendetwas nicht stimmt. Weil sie mit vier Ohren registrieren, was und wie kommuniziert wird, wie Friedemann Schulz von Thun sagt. Kommunikation, so Hamburger Psychologieprofessor, ist von ihrem Aussagewert her stets quadratisch. Direkt oder indirekt vermittelt die oder der Sprechende den Angesprochenen gleichzeitig vier Botschaften: die Sach-, die Beziehungs-, die Appell- und die Selbstoffenbarungsbotschaft.
Diese Botschaften "hört" die andere Seite und bewertet sie. Das Sachohr vernimmt und bewertet, worum es geht, das Beziehungsohr, was die andere Seite von mir hält und wie wir zueinander stehen. Das Appellohr versucht zu verstehen, wozu sie mich veranlassen möchten, das Selbstoffenbarungsohr, was die oder der andere von sich selbst kundgibt.
Der Irrtum, der Gesprächsführende missmutig auseinandergehen lässt, ist die Annahme, dass sich das Gespräch stets auf der Sachebene abspiele. Genau diese entscheidet nicht im Gespräch.
Erfolgsfaktor Small Talk – Die hohe Kunst der heiteren und anregenden Gesprächsführung
Missfallen nämlich die parallel zur Sache kommunizierten anderen Botschaften den anderen drei Ohren, schlagen sie Alarm. Ausschlaggebend dafür, wie ein Gespräch verläuft, sind Emotionen. Wer wo und wie auch immer Gespräche führt, tut also gut daran, sie nicht zu unterschätzen. Sie, die Gefühle, sind einerseits sozialer Kitt, der Gesprächsführende zueinanderführen und sie im Wollen und Wirken auf einen Nenner bringen kann — andererseits aber auch sozialer Sprengstoff, der ein Einvernehmen unmöglich machen kann.
Der gute Rat: sich der eigenen Gefühle bewusster zu werden, um sie nicht unbewusst im Gespräch durchschlagen zu lassen. Gute Gespräche zu führen beginnt auch damit, zu lernen, die — heikle — emotionale Dynamik eines Gesprächs zu verstehen und mit ihr umzugehen. So lassen sich Crashs merklich verringern. Für die emotionale Gesprächsdynamik sind zwei Faktoren besonders von Bedeutung: Die Grundhaltung, mit der jemand in ein Gespräch hineingeht, und die Bereitschaft zuzuhören.
Das eine wie das andere lässt sich auf die Frage zuspitzen: Lasse ich den anderen auch gelten oder nur mich? Diesbezüglich sind Beziehung- wie Selbstoffenbarungsohr und auch das Appellohr stets hellwach und immer bereit, auf Alarm zu schalten: Werde ich geachtet und respektiert oder von oben herab behandelt?
Soll ich manipuliert werden?
Emotionale Dynamik eines Gesprächs verstehen: Was alltägliche Kommunikation entgleiten lässt
Was diese Ohren "hören", bestimmt die emotionale Gesprächsdynamik und baut die Kontaktbrücke zu der oder dem anderen auf — oder den Graben. Im Gespräch nur sich selber zu sehen und gelten zu lassen und auch diesen Eindruck zu machen, ist ein viel genutztes Mittel, um beim anderen ein Gefühl der Unterlegenheit auszulösen. Natürlich spielen Wissen, Können, Erfahrung und Status immer eine Rolle im Gespräch.
Und ebenso natürlich ist der Versuch, auf dieser Schiene eine Art Gefügigkeit zu erzielen, durchaus auch von — allerdings nur momentanem — Erfolg gekrönt. Ein Beispiel für Weitsicht allerdings ist diese Art der Gesprächsführung nicht. Sie führt nicht zueinander hin, sondern voneinander weg.