Segeln psychologie
Daniela Maier.
Psychologie an Bord
Der Säulenheilige der Fahrtensegler hält nichts von Psychologie. Dabei stolpern wir an Bord ständig über uns und unsere Egos. Warum eigentlich? Sicher lehne ich mich nicht zu weit über die Reling, wenn ich behaupte, dass die meisten Leser der YACHT Bobby Schenk kennen, den mehrfachen Welt- und passionierten Fahrtensegler.
Er hat mit seinen Berichten und Büchern Generationen von Skippern geprägt, bis heute. Wahrscheinlich haben viele von ihnen neben anderen seiner Werke auch die erschienene "Skipperfibel" im Schapp stehen, ein kleines, feines Werk mit schwarzem Einband und goldenen Lettern, das Erfahrungswissen darüber vermittelt, was gute Schiffsführer auszeichnet. Wohlgemerkt: Es handelt sich hierbei nicht um Geheimbotschaften, die mit unsichtbarer Tinte gedruckt wurden.
Mit dem Abschnitt wollte der Autor seinen Lesern nicht etwa Raum geben, sich selbst psychologischer Tricks bewusst zu werden. Er war auch nicht als Platz für persönliche Notizen ausgeflaggt, wie Wilfried Erdmann das in seinem Logtagebuch machte. Stattdessen nur der Nihilismus gähnender Leere. Es gehört Chuzpe dazu, klare Kante zu zeigen, gegen den Strich zu bürsten.
Und natürlich spricht aus den Seiten auch Humor und Listigkeit. Was wiederum dazu führte, dass ich stundenlang in Bobbys Webseite eingetaucht bin, wo ich durchaus Überraschendes fand. Jedenfalls wenn man von den zwei leeren Seiten der "Skipperfibel" kommt. Vielleicht mag der Pionier und Lehrmeister des Fahrtensegelns keine Psychologen — warum auch immer. Aber er negiert weder die Psyche noch die Psychologie.
Denn etwa in Bezug auf Seekrankheit spricht er selbst über die Berücksichtigung "psychischer Komponenten". Auf eine Leserfrage gibt er gar diese Antwort: "Die See ist die beste Psychologin. Tatsächlich steckt sogar seine Fibel voller aus der Praxis abgeleiteter Empfehlungen, wie Skipperinnen und Skipper am besten mit kniffligen Situationen umgehen, wie sie eine Crew zusammenstellen und zusammenhalten.
Die von Bobby selbst verfasste Typologie der Mitsegler ist nichts anderes als Psychologie, wenn auch formuliert mit der Urteilsschärfe eines ehemaligen Amtsrichters. Frisch zum Schein gekommene Crewmitglieder nennt er "Scheinsegler": "Sie wissen alles besser und — das ist das eigentliche Problem — sagen das auch. Sie merken schon, da ist mehr, als auf zwei leere Seiten passen würde.
Nehmen wir nur mal, was gemeinhin als "Hafenkino" bezeichnet wird — diese kostenlose Seebühne in den Marinas, deren sehenswerteste Aufführungen meist vor- und nachmittags laufen, wenn es bläst. Das Ab- oder Anlegen zerrt ja schon an sich an den Nerven vieler Segler, selbst wenn die Bedingungen handig sind.
Verschärfend kommt jedoch hinzu, dass man kaum unbeobachtet bleibt dabei, vorwärts in eine Box oder rückwärts an einen Steg mit Muringleinen zu manövrieren. An Land oder auf den umliegenden Booten sitzt nämlich der "soziale Vergleich" — auch wenn dessen Anwesenheit sich gar nicht nach guter Gesellschaft anfühlt. Es ist nicht nur schiere Sensationslust, die unsere Blicke auf absehbare Katastrophen bei Hafenmanövern lenkt.
Der Seele zuliebe: Segeln als Therapie
Wir machen das auch, weil wir durch die Beobachtung anderer Rückschlüsse für die Beurteilung eigener Leistungen ziehen können. Im besten Fall hofft der Hafenkino-Zuschauer, etwas Positives zu lernen. Es funktioniert allerdings mindestens genauso gut andersherum. Man könnte Schadenfreude daher auch als kleine, gemeine Schwester des sozialen Vergleichs bezeichnen. Solcherart praktiziert — und Hand aufs Herz: Wer hat das noch nie gemacht?!
Weil andere noch haarsträubendere Anleger fahren, kommt man sich irgendwie besser vor. So oder so kann allein die Ahnung, dass da Zuschauer sind, beim Manövrierenden Angst und Stress auslösen oder noch erheblich verstärken. Ein ebenfalls psychologisch spannendes Geschehen in der Segelwelt ist das Scapegoating, also die Suche nach dem Sündenbock, dem Bauernopfer, dem schwarzen Schaf, dem Dummen.
Dies kommt bei längeren Segeltouren innerhalb der Crew gar nicht so selten vor und ist intrinsisch motiviert, um Unzufriedenheit und Frustration abzubauen, die durch die Enge an Bord, Monotonie, technische Probleme oder unerfüllte Erwartungen aufgebaut wurden. Ein Ansatz zur Erklärung dieses Phänomens ist die Frustrations- Aggressions-Theorie, der zufolge aus Enttäuschungen Wut oder innerer Ärger entsteht.